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Ausstellung „Mit meinen Augen“
Fotografien von Martina Büscher

St. Josef-Krankenhaus Neuss 15. Oktober – 10. Dezember 2008

Das Fotografieren, Martina Büschers große Leidenschaft schon seit ihrer Jugend, wurde zunächst durch eine anders orientierte Ausbildung und Beruf mehr als zwei Jahrzehnte eingeschränkt. Es ist noch nicht lange her, da entwickelte sich für sie eine Zwangspause zur großen Chance sich wieder Zeit zu nehmen, um in Ruhe und mit aller Kraft und Begeisterung das Fotografieren wieder verstärkt betreiben zu können. 

Ihre Ausstellung „Mit meinen Augen“ zeigt uns Fotografien, die vor allem in den zwei letzten Jahren, vollkommen unbeeinflusst, und nur durch ihre Neugierde und die eigene Intuition gelenkt, entstanden sind. Ihre Motive sucht und findet die Fotografin dabei besonders in der Natur, oft genug in ihrem inspirierenden Garten. Aber auch Reiseeindrücke mit Landschaftsimpressionen und Städteansichten laden zum Experimentieren mit der Kamera ein: „Ich sehe was und probiere aus“. 

Durch diesen Anreiz entstanden Fotografien, die oft wie zufällige Momentaufnahmen einen besonderen AUGENBLICK einfangen, Detail verliebte spektakuläre Großaufnahmen und jene Fotografien, die durch die Präsentation der abgelichteten Gegenstände schon fast in den Bereich des künstlerischen Stilllebens eindringen möchten.

Stimmungsvoll, auf Kapa-Träger kaschiert, porträtierte Martina Büscher FLORENZ und VENEDIG in großem Format und so, wie sich beide Städte in ihrer Schönheit dem Blick des Touristen darbieten. Der Betrachter kann das Panorama von Florenz (Über den Dächern von Florenz) und die Ansicht der historischen Ponte Vecchio genießen, die hier durch das besondere Licht, in das sie und die geteilte Stadt getaucht sind, wirkungsvoll in eine helle und dunkle Seite, in Licht und Schatten, trennt. Die Gondel auf einem Kanal in Venedig ist für uns so „greifbar“, als säßen wir selbst in ihr, würden gerade jetzt die Bewegung des Wassers und das Schaukeln der Gondel spüren und wie mit eigenen Augen  Häuser und Menschen um uns herum wahrnehmen. Hier begegnet die Position der Fotografin der unseren, des Betrachtenden. Sie verschmelzen miteinander, so dass wir das Motiv mit ihren Augen sehen. Auch das bunte Treiben auf dem Wochenmarkt in Florenzzieht uns so in seinen Bann, als würden wir selbst daran teilhaben. 

Ihre Eindrücke von Wales (Am Strand von Borth)  vermittelt uns die Fotografin ebenso: Von ihrem Standpunkt aus, dem Strand, erfasst unser Blick eine Front farbig leuchtender Häuser vor grau bewölktem Himmel. Es ist das Zusammenspiel von starken, sich gegenseitig heraushebenden Kontrasten, das hier die malerische Wirkung dieses Motivs ausmacht. 

Auch den von der Natur vorgegebenen Gegensatz von der Dynamik des Meeres (Ozean Borth) und einem harmonisch-pittoresken, fast kitschig-schönen Sonnenuntergang (Abendhimmel Cardigan Bay Wales) nehmen wir als Betrachter wahr - und hinterfragen ihn nicht. Jedoch kann die Wahrnehmung des Sichtbaren in seinem DETAIL auch durchaus befremdlich wirken, wie z.B. die groß abgebildeten Kerne einer aufgeschnittenen Papaya. Die strenge Ansicht eines Apfels mit seinem Kerngehäuse besitzt dagegen einen geradezu ausgeprägt illustrativen Charakter, die Ranke gen Himmel einen nahezu ästhetischen Reiz.

Bei dieser Art der Fotografie, der extremen Nahaufnahme, entstanden auch unkonventionelle Blumenbildnisse, die durch ihre ungewöhnliche Perspektive und selektive Schärfe eine besondere Atmosphäre erhalten. 

Dies offenbart sich vor allem im Bildnis Eine Tulpe erwacht, wo sich durch die  Kameralinse unser Augenmerk auf die sich bald öffnende Knospe richtet, und damit unsere ganze Aufmerksamkeit auf diesen Ausschnitt und auf den zu erwartenden Augenblick gelenkt wird. 

Unter all den ausgestellten Blumenporträts sticht besonders eine zarte Schönheit hervor. Hier ist es Martina Büscher beeindruckend gelungen, eine fragile Blüte unter ihrer bedrohlichen Last (von Schnee und Eiskristallen) abzulichten. 

In allen ihren Bildnissen zitiert die Fotografin WIRKLICHKEIT. Aber weil diese uns durch das Ausschnittartige verfremdet erscheint, erkennen wir sie manchmal erst auf den zweiten Blick, ein Hinweis also darauf, dass sich ein bewußter Blick, mit dem sich das Erkennen der Welt verbindet, an der Oberflächlichkeit unserer Zeit reibt.

Erst durch den extremen Abbildungsmaßstab ihrer Fotografien werden wir auf Dinge aufmerksam, die unser Auge so nicht erkennen könnte und beginnen die Details zu erforschen, Zusammenhänge zu suchen und zu entdecken. Der Reiz dieser sog. „Makrofotografie“, die Martina Büscher anwendet, liegt auch in deren kreativen Potential. So wird es möglich, mit  Hilfe dieses Kameraobjektivs, neue Sehweisen zu erschließen und außergewöhnliche Strukturen oder Abstraktionen fotografisch auszutesten. 

Dies wird deutlich bei der fast lupenartigen Großaufnahme von Regentropfen auf einem Blatt, die, gesehen aus einer ungewöhnlichen Perspektive, in der Phantasie auf bezaubernde Weise auch zu Perlen werden können, - so die Rose mit Perlenkette. Diese Fotografie ist auf Leinwand gedruckt, genauso wie das wunderschöne Versteck, auch eine  großformatige, in ihrer Farbigkeit bestechende Arbeit, auf der ein winziges Insekt gerade Zuflucht in den Blattstängeln einer Blume sucht. Das wunderschöne Versteck besitzt jene „ikonische“ Qualität, die man sonst mit dem Medium MALEREI verbindet.

Wir können nur ahnen, wieviel Konzentration und Hingabe mit dem Forschen und Entdecken eines Motivs verbunden sind. Wieviel Geduld und Geschick, Beobachtungsgabe die Voraussetzung dafür sind, um auch kleinste Lebewesen in der gewünschten Position und im rechten Augenblick ganz groß herauskommen zu lassen. Mit Hilfe ihres stark vergrößernden Makroobjektivs gelingt es Martina Büscher aber, ihre Motive Format füllend abzubilden, so dass sich für den Betrachter unbekannte Welten erschließen können, in denen er das augenscheinlich Verborgene, Unzugängliche oder Unscheinbare entdecken kann. 

Einen störenden Hintergrund ausgeschaltet und dabei ganz auf den kleinen Bildausschnitt fixiert, werden der Schmetterling oder die Fliege in ihrer Einzigartigkeit und Schönheit zu den Protagonisten ihrer gestochen scharfen Bilder (Fliege am Start, Glasflügelschmetterling). 

Beeinflusst durch den unerschöpflichen Fundus der Natur visualisiert Martina Büscher ihre Eindrücke. Die Kamera ist dabei ihr „Sprachrohr“, das Instrument, mit dem sie ihre Eindrücke gestaltet und verarbeitet. Fast schon dokumentarisch erforscht sie mit ihren Augen unterschiedliche Bereiche der Wirklichkeit, macht uns durch andere Blickwinkel auf diese aufmerksam - und macht sie für uns zugänglich. 


Ganz nahe hat die Fotografin die Linse ihrer Kamera auch auf das Auge ihrer Tochter gerichtet, „zoomte“ es so heran, dass sie den  Blick von Josanne einfangen konnte. Ein fester Blick durch das sog. „Tor zur Welt“, in der uns die Bedeutung eines einzigen Augenblicks bewusst werden kann, weil er so großartig ist, dass man ihn für immer festhalten möchte, so wie es Martina Büscher in ihren Fotografien gelungen ist.


Gabriele Bundrock-Hill M.A.